Zeitform für die Wirkung
Manchmal wählst du eine Zeitform nicht wegen der Zeit, sondern wegen der Wirkung. Zwei Fälle sind im Italienischen besonders häufig: das presente storico, das Vergangenes im Präsens erzählt, und das imperfetto di cortesia, das einen Wunsch in die Vergangenheit rückt, damit er weniger drängt.
Presente storico
In Zeittafeln, Biografien, Dokumentationen und Schulbüchern steht Geschichte oft im Präsens. Die Ereignisse rücken nah heran, der Text wirkt wie eine Abfolge von Stationen. Die Jahreszahl sagt, wann es war; das Verb muss es nicht mehr sagen.
Derselbe Fakt, zwei Blickwinkel
Passato remoto: abgeschlossen, auf Abstand
Nel 1946 gli italiani scelsero la repubblica.
1946 entschieden sich die Italiener für die Republik.
Presente storico: nah, wie miterlebt
Nel 1946 gli italiani scelgono la repubblica.
1946 entscheiden sich die Italiener für die Republik.
Was danach geschieht, steht in solchen Texten im Futur. Es blickt vom erzählten Moment aus nach vorn, auch wenn alles längst vorbei ist. Im Deutschen ist das in Biografien ebenfalls möglich, im Italienischen aber deutlich häufiger.
Eine kleine Zeittafel
Nel 1492 Colombo arriva in America.
1492 erreicht Kolumbus Amerika.
Dante nasce a Firenze nel 1265 e morirà in esilio a Ravenna.
Dante wird 1265 in Florenz geboren und wird im Exil in Ravenna sterben.
Das Futur blickt vom Geburtsjahr nach vorn.
Nel 1865 la capitale si trasferisce a Firenze, ma sei anni dopo passerà a Roma.
1865 zieht die Hauptstadt nach Florenz um, aber sechs Jahre später wird sie nach Rom wechseln.
Auch mündlich erzählst du eine Anekdote im Präsens, sobald es spannend wird. Den Rahmen setzt meist das Imperfetto oder das Passato prossimo, die Szene läuft dann im Präsens.
Ieri ero in riunione, a un certo punto entra il capo e mi dice: «Vieni un attimo.»
Gestern war ich in einer Besprechung, auf einmal kommt der Chef rein und sagt zu mir: „Komm mal kurz.“
Imperfetto di cortesia
Mit dem Imperfetto stellst du einen Wunsch so dar, als hättest du ihn schon vorher gehabt. Er wirkt dadurch weniger fordernd. Typisch ist das an der Theke, im Laden und am Telefon, mit Verben wie volere, cercare und desiderare. Das Deutsche kennt dasselbe Muster: „Ich wollte fragen, ob …“
Bitten und Anliegen
Buongiorno, volevo un caffè e un cornetto.
Guten Morgen, ich hätte gern einen Kaffee und ein Hörnchen.
Cercavo un paio di scarpe da trekking.
Ich suche ein Paar Wanderschuhe.
Im Schuhgeschäft.
Volevo sapere se il ristorante è aperto anche lunedì.
Ich wollte fragen, ob das Restaurant auch montags geöffnet hat.
Am Telefon.
Volevo chiederti un favore.
Ich wollte dich um einen Gefallen bitten.
Gegenüber vorrei klingt volevo etwas lockerer und alltäglicher, gegenüber voglio deutlich höflicher. An der Bar sind volevo und vorrei beide völlig normal.