Ein Futur, das nichts mit Zukunft zu tun hat
Jemand fragt dich, wo Marco ist. Du weißt es nicht genau, tippst aber auf zu Hause. Auf Italienisch antwortest du Sarà a casa – wörtlich „er wird zu Hause sein“, gemeint ist aber „er ist wohl zu Hause“. Jetzt, in diesem Moment.
Diese Verwendung heißt futuro epistemico, „Vermutungsfutur“. Das Futur signalisiert hier nur eines: Ich weiß es nicht sicher, ich schließe.
Zwei Vermutungen aus dem Alltag
Dov'è Marco? Sarà a casa.
Wo ist Marco? Er ist wohl zu Hause.
Non è venuto. Avrà dimenticato l'appuntamento.
Er ist nicht gekommen. Er hat den Termin wohl vergessen.
Vermutung über jetzt – futuro semplice
Du redest über einen Zustand, der in diesem Moment gilt, bist dir aber nicht sicher. Das Präsens behauptet, das Futur schätzt: Du hast Anhaltspunkte, aber keine Gewissheit.
Dieselbe Aussage, zwei Sicherheitsgrade
Anna ha trent'anni.
Anna ist dreißig. (ich weiß es)
Anna avrà trent'anni.
Anna ist wohl so dreißig. (ich schätze)
Luca è in ufficio.
Luca ist im Büro. (ich weiß es)
Luca sarà in ufficio.
Luca ist wohl im Büro. (ich schätze)
Situationen, in denen man so redet
Quanto costa? Non lo so, costerà sui venti euro.
Was kostet das? Keine Ahnung, so um die zwanzig Euro.
Non è ancora arrivata. Sarà bloccata nel traffico.
Sie ist noch nicht da. Sie steckt bestimmt im Stau.
Il cane abbaia. Ci sarà qualcuno alla porta.
Der Hund bellt. Da ist wohl jemand an der Tür.
Vermutung über früher – futuro anteriore
Betrifft die Vermutung die Vergangenheit, nimmst du statt des einfachen Futurs das futuro anteriore. Es steht dort, wo sonst das Passato prossimo stünde.
Vom Fakt zur Vermutung
Rückschlüsse auf Vergangenes
Non è qui. Avrà perso il treno.
Er ist nicht da. Er hat wohl den Zug verpasst.
Ha gli occhi rossi. Avrà pianto.
Sie hat rote Augen. Sie hat wohl geweint.
La casa è vuota. Saranno partiti ieri.
Das Haus ist leer. Sie sind wohl gestern abgereist.
Nach quando, appena oder dopo che bedeutet dieselbe Form dagegen eine echte Zukunft: Quando avrà finito, uscirà – „Wenn er fertig ist, geht er raus.“ Das ist keine Vermutung.
Fragen und Zugeständnisse
Das Vermutungsfutur steht auch in Fragen. Dann fragst du nicht wirklich jemanden, sondern rätselst laut vor dich hin – wie im Deutschen mit „Ob …?“ oder „Wer mag …?“.
Laut nachdenken
Chi sarà a quest'ora?
Wer kann das um diese Zeit sein?
Dove avrò messo gli occhiali?
Wo habe ich bloß meine Brille hingelegt?
Si sarà arrabbiato per ieri?
Ob er wegen gestern sauer geworden ist?
Mit anche oder pure direkt hinter dem Verb gibt das Futur ein Zugeständnis, meist gefolgt von ma oder però: Sarà anche bravo, ma non mi piace – „Er mag ja tüchtig sein, aber ich mag ihn nicht.“
Costerà anche poco, ma è brutto.
Billig mag es ja sein, aber schön ist es nicht.
Avrà pure ragione, però esagera.
Recht hat er vielleicht, aber er übertreibt.
Und auf Deutsch?
Auch Deutsch kann so vermuten: „Er wird wohl zu Hause sein.“ Im Alltag bleibt das Verb aber meist im Präsens, und die Vermutung steckt in einem Wörtchen wie wohl, bestimmt oder sicher: „Er ist wohl zu Hause.“ Italienisch legt die Vermutung ins Verb. Ohne Futur wäre È a casa eine Behauptung.
So übersetzt du es
wohl ist die neutrale Entsprechung: Sarà uscito – „Er ist wohl rausgegangen.“
bestimmt, sicher, wenn die Vermutung fast Gewissheit ist: Avrà avuto un imprevisto – „Da ist bestimmt etwas dazwischengekommen.“
ungefähr, so gegen bei Uhrzeiten, Preisen und Alter: Saranno le tre – „Es ist so gegen drei.“